Irgendwie bin ich in den vergangenen Jahren darauf gekommen, mich mit "Krieg und Frieden" zu beschäftigen. Den Anfang fand das alles in den vorigen Kapiteln. Sexueller Missbrauch ist Krieg gegen das Kind. Und was dabei hilfreich war am Überleben, ist hinderlich beim Weiterleben. Ganz typisch für Trauma.
Nun kann man ein Trauma natürlich nicht nur durch sexuellen Missbrauch haben. Ich habe einen nahen Verwandten durch meine neu gewonnenen Erkenntnisse besser verstehen gelernt. Und dessen Trauma stammt aus kriegerischer deutscher Vergangenheit.
Teils wegen meiner Familie, teils gesamtgesellschaftlich interessiert mich nun, wie das damals war und wie es sich auf heute auswirkt. Deswegen unterschiedlichste Quellen (Literatur, Videos, Textbeiträge aus dem Internet) zu diesem Thema.
Von Jan Philipp Reemtsma (ja, das ist genau der Typ, der mal entführt wurde) sind drei Reden im Reclam-Verlag zusammengefasst in einem Bändchen erschienen: "Die Gewalt spricht nicht." Das ist zugleich der Titel der ersten Rede. "Das Recht des Opfers auf die Bestrafung des Täters- als Problem" ist der Titel der zweiten und die dritte lautet "Nationalsozialismus und Moderne".
Herr Reemtsma ist Germanist, Intellektueller und ein hervorragender Redner. Er formuliert griffig und punktgenau, die Sachlage genauestens erfassend. Ein echtes Schnäppchen, dieses Bändchen. Alle drei Reden sind sehr interessant, aber wegen der dritten hatte ich es mir eigentlich gekauft.
Man weiss ja eigentlich von den Rassegesetzen und all diesem. Nur wird da nie klar, wie die Leute damals gelebt haben. Bzw. wie war diese Herrschaftsform eigentlich aufgebaut, wie wurde das gelebt, von einem ganzen Volk getragen? In dieser Rede bin ich auf den Begriff der "Bande" mit dem "charismatischen Führer" gestossen. Das hat in mir die Erinnerung an einen Menschen wach werden lassen, mit dem ich in meiner Jugendzeit zu tun hatte. Nun wusste ich, warum ich mit ihm nie konnte, warum er mir so fremd war: Er wollte eben dieser Typ des charismatischen Führers sein. Sucht mal in Eurem Umfeld, vielleicht werdet auch Ihr fündig.
Aufklärerisch in diesem Sinne ist auch der Dokumentarfilm "Wandersplitter", auf den Carsten Herkenhoff in seinem Blog aufmerksam macht. (Dieses Youtube-Video besteht aus neun Teilen, also bringt Sitzfleich mit.) In "Wandersplitter" erzählt Thomas Harlan von seiner Kindheit, von seinem Vater und seine Sicht auf unsere Gesellschaft, damals wie heute. Thomas Harlan ist nicht irgendwer. Er ist der Sohn von Hitlers Lieblingsregisseur Veit Harlan, dessen Filme sich die SS-Leute reinzogen, bevor sie auf sich aufmachten, ihre Opfer zu massakrieren. Der Sohn hat mit dem Vater gebrochen und ist später auf Nazi-Hatz gegangen. (Ausführlicheres im Artikel unter dem eingebundenen Video.) Auch er spricht wieder von der Bande. Ein ganzes Volk als Bande organisiert.
Die Journalistin Sabine Bode macht sich sehr verdient um die Aufklärung dessen, wie die Kriegsvergangenheit sich bis heute auswirkt. Ihr Buch "Die vergessene Generation - Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen" (erschienen bei Piper) ist ein Augenöffner und ein, wie ich finde, dringend notwendiges Buch. Dieses Schweigen der Kriegskinder bewirkt und bewirkte, dass die Leiden dieser Kinder (und auch ihrer Eltern) im und nach dem Krieg einfach nicht im Bewusstsein vieler Deutscher sind. Viele von ihnen behaupten, sie hätten es gut gehabt. Leiden aber gleichzeitig unter psychosomatischen Problemen (das können auch Angstzustände, Panikattacken, Depressionen oder sonst etwas sein, Tablettensucht (bekannt unter "mother's little helpers" in den 70ern) oder Alkohol oder was auch immer). Bzw. schaffen es einfach nicht mit ihrem Verstand, Härten des Lebens als Härten einzuordnen, zu fühlen, sich dessen bewusst zu werden.
Ihr Buch Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation geht in vielen ausgewählten und anonymisierten Beispielen auch auf die Nachfolgegeneration ein. Es ist bei Klett-Cotta erschienen.
Dr. Jürgen Müller-Hohagen ist ein Psychoanalytiker, der sich in der Psychologie sehr verdient darum gemacht hat, was die seelischen Nachwirkungen der NS-Zeit sind. Zudem hat er mit seiner Frau - die beiden wohnen in Dachau - das Dachau-Institut gegründet. Daraus gibt es eine Publikation: "Geschichte in uns". Die beschreibt, wie die NS-Ideologie noch heute in unserer Gesellschaft weiterwirkt. Ein Tabu-Thema hierzulande.
Ein anderes Buch von ihm ist Verleugnet, verdrängt, verschwiegen - seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und Wege zu ihrer Überwindung. Ein Buch, in dem es sich um Verfolgte, Mitläufer und Täter dreht. Sehr aufschlussreich. Erschienen bei Kösel.
Das Forum Kriegsenkelwill eine Plattform sein für alle, die im Internet nach Hilfen uns Auswirkungen der NS-Zeit bis in die dritte Generation suchen. Es sind mehrere Betreiberinnen, die bei Anfragen auch gerne antworten. Mehrfach sind Kontakt-e-mail-Adressen hinterlegt.
Ein hervorragendes Buch zu Trauma - das Trauma aus verschiedenen Herkünften (sex. Missbrauch, Krieg, ...) - und dessen Heilung ist "Die Narben der Gewalt" von Judith Herman (im englischen Original "trauma and recovery") bei Junferman erschienen. Sie fängt an bei den "Hysterikerinnen" bei Janet in Frankreich und Freud in Wien, zieht den Bogen über die Vietnamveteranen, den Holocaust und die aufklärerische Frauenbewegung. Sehr gut lesbar auch für den Laien.
Ilana ist eine, was Missbrauch verschiedenster Arten betrifft, schwer leidgeprüfte Person. Sie ist deswegen berentet, schwer mit ihrer Heilung beschäftigt (es fällt ihr nicht im Traum ein, sich in irgendeiner Opferrolle zu suhlen, das kann sie überhaupt nicht leiden) und klärt tagtäglich in ihrem Blog alles nur psychisch auf. Sehr, sehr lesenswert. Nicht nur die täglichen Postings, sondern auch die Links, die sie zusammengesammelt hat. Die sind rechts im Menü zu finden. Nur immer hereingeschnuppert!